Warum Uropa Lew eine Straße bekam und ich nur Kulturförderung.

PREMIERE
AM 25.02.
IM LA LUNE
STUTTGART

AM 27.02.
IN DER WLB
ESSLINGEN

Ein Theaterabend über eine besondere Migrationsgeschichte

Von Nikita Gorbunov und Boglárka Pap

„Als mein Urgroßvater Lew so alt war wie ich, saß er schon seit Jahren im Lager. Er hatte sich beim Einmarsch der Roten Armee für deutsche Zivilisten eingesetzt, das kam unter Stalin nicht so gut an.

Aber später in Köln haben sie einen kleinen Weg nach ihm benannt. Denn er kam nach Deutschland als Humanist und Autor. Ich dagegen kam nach Deutschland einfach so. Als russischer Migrant. Ich hatte hier keine Bedeutung. Ich hatte nur eine alleinerziehende Mutter.

Verstehen Sie mich nicht falsch, immer wenn ich als diensthabender Ausländer auf einer Bühne stand, hab ich alles bereichert, was ging. Aber als ich erfuhr, dass ich unter Umständen auch noch jüdisch bin… Ich weiß nicht, ob ich den Job auch noch machen kann.“

Gemeinsam mit der Regisseurin Boglárka Pap unternimmt der Stuttgarter Autor und Performer Gorbunov eine Stückentwicklung über einen besonderen Aspekt deutscher Migrationsgeschichte.

Er bearbeitet dabei die Biografie seines Urgroßvaters Lew Kopelew gegenüber seiner eigenen familiären „Backstory“ und begegnet darin Siegern und Verfolgten; findet Wagemut, Ohnmacht und haarsträubende Zufälle.

Das Team schafft daraus eine zugängliche Collage von Schauspiel, Texten und Songs ohne jemanden anzuklagen oder freizusprechen. Denn Löwenkinder will keine Schuld zählen, sondern zeigt die kleinen und großen Gefühle angesichts der großen und kleinen Geschichte.

CAST:

Nikita Gorbunov &
Max Böttcher

Regie – Boglárka Pap

 

Lew Kopelew mit seinem Urenkel Nikita. Swaggy Dudes with Attidude!

LEW KOPELEW
UND DIE HINTER-GRÜNDE

Lew Kopelew als Major der Roten Armee

Ausgangspunkt des Abends ist das bemerkenswerte Leben von Lew Kopelew. 1912 in eine jüdische Familie geboren, verliert der überzeugte Atheist seine Großeltern an die Nazis im Massaker von Babi Jar. Als die Rote Armee in Ostpreußen einmarschiert, nutzt Kopelew seine Position als Major, um sich für eine menschliche Behandlung der Deutschen einzusetzen. Für dieses „Mitleid mit dem Feind“ wird er zu insgesamt 10 Jahren verurteilt und landet zufällig in einem GULAG mit dem späteren Literatur-Nobelpreisträger Solschenizyn. Auch nach der Lagerzeit bleibt er in Moskau politisch engagiert und wird für die Unterstützung von Andrei Sacharow aus der UDSSR ausgebürgert. Er landet bei seinem Freund Heinrich Böll in Köln, wo er ein prominenter Humanist bleibt. Kopelews „Mitleid mit dem Feind“ bleibt in Deutschland das Motiv seines Lebens. Er arbeitet unermüdlich für eine versöhnende Überwindung unserer dunklen Geschichte. Ein kleiner Weg ist in Köln nach ihm benannt. Doch welche Bedeutung hat Lew noch für das diverse Deutschland der Gegenwart?

Die Freundschaft zu Heinrich Böll hat Lew Kopelew nach Köln gespült

In dieser besagten Gegenwart, im Windschatten statt im Zentrum der Weltgeschichte, leben heute Lews (Russisch=”Löwe”) Nachkommen. Die “Löwenkinder” kommen 1990 als “jüdische Kontingentflüchtlinge”. Auch ihr Leben ist exemplarisch für Deutschlands Selbstbild und Umgang mit dem jüdischen Leben, aber auf eine andere Art: Es erzählt von verworrener Migration.

Lews zweite Tochter kämpft in Deutschland nicht für Versöhnung, sondern mit Sprachkursen. Seine Enkelin kommt als Alleinerziehende und wird Lohnbuchhalterin auf dem zweiten Bildungsweg. Lews Urenkel, Nikita Gorbunov, ist heute eine Art Entertainer in Stuttgart. Er lebt von Kurzauftritten, kleinen Theaterprojekten und Jugendarbeit mit anderen Migrant*innen.

Gibt es ein deutsches Leben im Russischen?
Wirkt dieser Cowboy jüdisch?

Warum müssen wir anderen immer eine Rolle überstülpen?

Warum spielen wir füreinander überhaupt so eine große Rolle?

Warum kann sich Deutschland nicht mal ohne meine Hilfe erzählen?

Und warum – verdammt! – kriegt mein Urgroßvater eine Straße und ich krieg nur Kulturförderung?

Wirkt dieser Cowboy jüdisch?

Partner & Förderer

Basierend auf einer Recherche im Stipendium #takecare des Fonds Darstellende Künste